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Schlagwort-Archive: Business Models

Die Digitalisierung hat ein Problem offensichtlich gemacht, das schon seit langer Zeit zwar latent vorhanden war, aber auf Grund mangelnder technischer Möglichkeiten nur wenig Relevanz besaß. Es handelt sich um die unterschiedlichen Anreize, die von direkten angebotsseitigen Subventionen, wie sie im Bereich Kunst, Kultur und freie Medien üblich sind und jenen, die vom Urheberrecht ausgehen. Ein Problem, dass gerade bei der Bereitstellung von Archiven und Bibliotheken von Bedeutung ist und viele Archive trifft – sei es das Cultural Broadcasting Archive (CBA) der freien Radios oder die Nationalbibliothek, sei es den Bestand eines Museums oder das ORF-Archiv, den digitalen Handapparat für Studierende auf Universitäten oder die Europeana. Dabei geht es darum, dass es sich dabei jeweils um gesellschaftlich erwünschte und geförderte Institutionen handelt, die auf Grund des Urheberrechts ihre Breitenwirksamkeit und ihre Zugänglichkeit künstlich einschränken müssen. Auf der einen Seite werden die Institutionen mit Steuermitteln dafür gefördert Inhalte zu archivieren, zu beforschen aber auch öffentlich zugänglich zu machen und zu vermitteln, gleichzeitig ist es ihnen aber unmöglich diese Funktion in dem Ausmaß auszuüben, wie es heutzutage technisch möglich wäre. Der Grund liegt darin, dass es zwei sehr unterschiedliche Arten der Kulturförderung gibt, das Urheberrecht und Subventionen.

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in Gemeinnützige Medien-Archive in Österreich, Facultas, Wien 2014 S. 35-42

Erschienen in: Wirtschaft und Gesellschaft, 39. Jahrgang (2013), Heft 3, 405-420.

WUG_Stepan_Urheberrecht

Auszug:

Die Auswirkungen, die von der Digitalisierung auf das Kulturfeld ausgehen, sind vielfältig und betreffen Erleichterungen in der Produktion, der Weiterverarbeitung von Inhalten (remixing und appropriation art), user generated content, das Entstehen von Teil- oder Halböffentlichkeiten durch soziale Netzwerke und auch die Erneuerung der Vertriebs- und Geschäftsmodelle.

Da sich Information und somit auch alle digitale oder digitalisierbare Kunst und Kultur zu einem öffentlichen Gut gewandelt haben, wird nach neuen Möglichkeiten gesucht, Inhalte zu verkaufen. Im Wesentlichen gibt es zum heutigen Zeitpunkt drei Lösungsansätze.

Der erste Ansatz wird vor allem von Vertretern jener Unternehmen propagiert, die bereits mit den analogen Vertriebsmodellen sehr erfolgreich waren. Dabei wird nicht in das Urheberrecht eingegriffen, sondern die Möglichkeiten der Rechtsdurchsetzung werden erweitert. Diese Herangehensweise geht vor allem zulasten des Datenschutzes und der Privatsphäre und ermöglicht weitreichende digitale Überwachungsbefugnisse wie beispielsweise die Nutzung der Vorratsdaten. Das bestehende Urheberrecht soll durch den Einsatz flächendeckender Kontrollen und Sanktionen wieder operabel gemacht werden, wobei große Einschnitte in den Datenschutz und die Privatsphäre auf der Kostenseite dieses Ansatzes stehen.

Der zweite Ansatz fußt auf der Idee der Pauschalvergütung, wie etwa diverse flatrate-Modelle, aber auch auf der Abgabe auf Speichermedien. Hier besteht das Grundproblem, dass der Markt für urheberrechtlich geschützte Werke derzeit bereits von einem Rechtskonstrukt abhängt und dessen konkreter Ausformulierung (Schutzdauer, Umfang, Durchsetzbarkeit etc.). Nachdem der durch das Urheberrecht ermöglichte bzw. simulierte und beeinflusste Markt nun aufgrund der digitalen Kopiertechnologien wiederum unter Druck gekommen ist, soll der Ausfall dieses simulierten Marktergebnisses kompensiert werden. Da das ökonomische Rational hinter dem Urheberrecht die Etablierung eines – wenn auch abhängigen und nicht freien – Marktes ist, so stellt sich das Konzept in diesem Fall generell in Frage. Arrow (1962) argumentierte, dass die Bereitstellung von Information im Allgemeinen nicht durch Marktmechanismen erfolgen sollte, sondern generell durch alternative Formen.

Der dritte Lösungsansatz verändert die Rahmenbedingungen dahingehend, den Wettbewerb sowohl zwischen legalen Angeboten untereinander als auch zwischen legalen und illegalen Angeboten zu ermöglichen. Dabei ist das Hauptproblem die exklusive Lizenzierung von Werken, die zur Zeit eine dynamische Entwicklung des Marktes verhindert. Derzeit gibt es weder in der Musik noch im Film einen One-Stop-Shop, bei dem KonsumentInnen das gesamte Repertoire legal erwerben können, wie dies bei der illegalen Konkurrenz (prinzipiell) der Fall ist. Die diesem Modell zugrunde liegende Idee ist es, den Wettbewerb auf Nutzbarkeit und Preis zu reduzieren und die Konkurrenz um das Angebot – die lediglich zwischen legalen Anbietern besteht – durch eine gesetzliche Lizenz zu eliminieren. Dadurch werden legale Anbieter gegenüber illegalen konkurrenzfähig im Sinne von Varian (2005), der vorschlug, neue Kopiertechnologien wie den Markteintritt eines Mitbewerbers zu behandeln.

Es ist wesentlich für die Debatte, zu berücksichtigen, dass das Urheberrecht die Basis für Geschäftsmodelle liefert und ein Instrument ist, das Anreize für kreatives Arbeiten schafft und Refinanzierung ermöglicht. Folglich ist es auch ein Instrument, das massentaugliche Werke bevorzugt und zu ungleichen Einkommensverteilungen führt. Seit jeher hat das Urheberrecht finanziell eine kleine Elite, die sogenannten happy few, begünstigt. Das Urheberrecht dient insofern der Finanzierung des marktgängigen Teils der Kreativwirtschaft (nachfrageseitig). Auf der anderen Seite sieht die europäische Kulturpolitik, die sich zumeist in direkten und angebotsseitigen Kultursubventionen äußert, ihre Aufgabe darin, kulturelle Vielfalt zu stimulieren und Angebote jenseits des vom Urheberrecht stimulierten Marktes zu ermöglichen.

Es ist in Urheberrechtsfragen bisher einmalig, dass PolitikerInnen und Bevölkerung gemeinsam der Lobby der Verwertungsindustrie einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Das ist ein Grund zu feiern, denn es ist nun klar, dass die Bereitschaft das Internet auf Grund von rein kommerziellen Interessen seitens der Verwertungsindustrie einzuschränken beschränkt ist. Auch wenn JuristInnen aller Orts versichern, dass ACTA im speziellen für Österreich kaum Änderungen mit sich gebracht hätte, so ist es doch ein wichtiger ein symbolischer Sieg. Im 20. Jahrhundert ist diese Balance zwischen öffentlichen und privaten Interessen aus dem Fokus geraten und auf Grund von Lobbying zu Gunsten der Verwertungsrechte der Beatles, Walt Disney, Elvis und einiger weniger anderer Rechte gekippt worden. ACTA hat klar gemacht, dass der Tiefpunkt dieser Entwicklung in Europa erreicht zu sein scheint und dass die Lobbys nicht so allmächtig sind, wie sie sich gerne (vor allem hinter verschlossenen Türen) sehen.

Allerdings darf man sich von der Euphorie nicht davon tragen lassen, denn wenn das Urheberrecht (zumindest in seiner derzeitigen Version) ausgedient hat, muss dennoch die Frage beantwortet werden, wie nun Kreative Geld verdienen können, um von ihrer Arbeitleben zu können. Doch diese Debatte muss differenziert geführt werden, denn: Was das Urheberrecht bislang konnte, ist einen Markt (den es ohne diesen rechtlichen Eingriff nicht gäbe) zu simulieren. Daraus ergibt sich, dass es also um Produkte geht, die auf einem Markt gehandelt werden und für die es auch eine Nachfrage gibt. Kurz, es geht um marktgängige, reproduzierbare Massenprodukte wie eben kommerziell erfolgreiche Tonaufnahmen, Filme oder Literatur. Was das Urheberrecht nicht kann und auch nie konnte, was aber in der aktuellen Debatte oft suggeriert wird, ist für eine ‚gerechte’ Einkommensverteilung zu sorgen oder gar Einkommen zu sichern. Hier gilt es bei Forderungen nach Änderungen des Urheberrechts sehr genau hinzusehen, denn immerhin werden tief greifende Maßnahmen gefordert (siehe ACTA): Es gibt einen Unterschied zwischen Marktversagen und Versagen auf dem Markt. Dieser kurze Ausflug in die Volkswirtschaftslehre wird einem in dieser Frage nicht erspart bleiben. Nicht alle, die in den letzten zehn Jahren sinkende Einnahmen zu beklagen hatten, können dies auf die äußeren Umstände schieben, viele werden einfach nicht mehr nachgefragt. Sind ‚out’ wie es so schön heißt. Das ist im Einzelfall bedauerlich, gehört aber zum Alltag kultureller und künstlerischer Curricula. Denn der Markt, wie ihn das Urheberrecht konfiguriert und zulässt, ist ein Winner-takes-all-Markt, in dem einige wenige den Markt dominieren und das Gros der Kreativen keine signifikanten Einkommen erwirtschaften können. Es ist ein volatiler Hochrisikomarkt.

Das wirklich herausragende an der Situation im Moment ist, dass es jetzt ein Zeitfenster gibt, in dem neue Ausgestaltungen ernsthaft diskutiert werden können. Es ist mittlerweile allen klar, dass das Internet keine Modeerscheinung ist von der in zehn Jahren niemand mehr spricht, sondern dass dauerhafte Lösungen für neue Rahmenbedingungen zu suchen sind.

Es ist also klar, dass

1)     neue Regeln geschaffen werden müssen, die die Produktion marktgängiger Güter  ermöglichen. Dazu zählen nicht nur die KünstlerInnen, sondern alle, die an der Produktion einer „Kopiervorlage“ beteiligt sind. Also Produktionsfirmen, Tonstudios, Filmstudios etc. Denn die Spielregeln ändern sich hauptsächlich bei der Verteilung und Verwertung und weniger in der Produktion.

2)     das Urheberrecht eben auf einen Markt beschränkt bleibt und somit für marktgängige Produkte konzipiert ist und weder Einkommen garantiert, noch Kulturpolitik in irgendeiner Form ersetzen kann. Denn Kulturpolitik (sollte) sich mit jenen Teilen der Kunst und Kultur auseinander setzen, die einem Marktversagen unterliegen (für die es keinen Markt gibt, wie Experimente, Nachwuchsförderung, Kunst im öffentlichen Raum etc.) und nicht jenen, die auf dem Markt versagen.

3)     wir neue Regeln für den privaten und halböffentlichen Umgang mit geschützten Werken brauchen. War es vor zwei Jahrzehnten für Privatpersonen und MusikkonsumentInnen nahezu unmöglich das Urheberrecht zu brechen, so begehen heute nahezu alle, die über einen Internetzugang verfügen in irgendeiner Form Urheberrechtsverstöße. Sei es, dass auf Facebook auf den Share-Button geklickt wird, sei es, dass ein Profilbild gewählt wird, das nicht selbst gezeichnet oder fotografiert wurde oder dass auf einer Website oder einem Blog für irgendeinen Input die Rechte nicht oder unzureichend abgeklärt wurden. Die Möglichkeiten als Privatperson heutzutage mit dem Urheberrecht in Konflikt zu kommen sind schier unendlich obwohl dabei weder Verwertungsinteressen gestört werden, noch den RechteinhaberInnen ein Schaden zugefügt wird. Der verbreitete Gebrauch von Inhalten in sozialen Netzwerken und der Umgang im halböffentlichen, digitalen Raum muss neu geklärt und Rechtssicherheit für UserInnen geschaffen werden.

4)     wir neue Regeln brauchen, die von den relevanten AkteurInnen auf diesem Markt ausverhandelt werden: den Kreativen (und allen, die an der Herstellung der Kopiervorlage beteiligt sind) und den Fans. Denn wenn es gelingt Inhalte von den Kreativen hin zu den KonsumentInnen und Geld von den KonsumentInnen hin zu den Kreativen zu leiten, so sind die wesentlichen Ziele erreicht. Es ist dann die Aufgabe der verwertenden Industrie – was eigentlich selbstverständlich sein sollte – sich nützlich zu machen und Mehrwert zu schaffen. Die Verwertung und der Vertrieb von Musik, Film und Literatur hatten in der Vergangenheit eine Flaschenhalsposition inne, wodurch ihr Fokus von einer Dienstleitung abgekommen ist und die Marktmacht der Gatekeeper dafür verwendet wurde auf der einen Seite den Kreativen die Vertragsbedingungen zu diktieren und auf der anderen Seite für KonsumentInnen Nutzungsbedingungen vorzuschreiben wie, wann und wo konsumiert werden darf. Für eine nachhaltige Lösung in Urheberrechtsfragen müssen aber Kreative und KonsumentInnen die VerhandlungspartnerInnen sein.

Auch wenn die Ablehnung von ACTA ein Grund zum feiern ist, so ist noch viel zu tun um gängige Praktiken im Internet zu legalisieren, die Offenheit des Netzes zu verteidigen und den Kreativen und Produzierenden Einkommensmöglichkeiten zu verschaffen. Die Lobby der Verwertungsindustrie darf diesen Diskurs nicht bestimmen.

Erschienen in Kulturrisse 01/2012

Für lösungsorientierte Ansätze in der Diskussion um den Zusammenhang zwischen Urheberrecht und Digitalisierung.

In dem Lied „Der Halbwilde“ besingt Helmut Qualtinger die Wiener Version eines Marlon Brando und beschreibt die Trostlosigkeit eines Getriebenen mit den Worten: „… zwar hab ich ka Ahnung, wo ich hinfahr’, aber dafür bin i gschwinder dort!“ Dieses Bild erinnert stark an Vorkommnisse der vergangenen Jahre, die in den letzten Monaten eine Dynamisierung erfahren haben: Die Diskussionen um das Urheberrecht im digitalen Raum und auch die Forderungen in diversen nationalen und internationalen Kampagnen sind denkbar unfokussiert und nicht zielorientiert. War der Halbwilde noch vom Fortschritt der Motorisierung getrieben, so ist es die Contentindustrie von der Digitalisierung und der neuen Rolle von KonsumentInnen, die gleichzeitig auch DistributorInnen und ProduzentInnen sein können. Die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Urheberrecht und Digitalisierung ist von vielem geprägt, zum Beispiel von ziellosen Forderungen, von Fehlinformation, von ökonomischem Unverständnis und vor allem von rhetorischer Härte und gegenseitigen Vorwürfen. Dass dabei die Suche nach lösungsorientierten Ansätzen zu kurz kommt, wundert nur wenig, denn diese sind völlig aus dem Fokus geraten.

Keine Chance auf die Realisierung neuer Geschäftsmodelle

So schnell der Halbwilde auch durch die Gegend fährt, er scheint nirgends anzukommen. Weder Digitales Rechtemanagement (DRM) noch Klagsfluten (in den USA) noch das Vorgehen der Rechtsabteilungen gegen Filesharing-Betreiber scheint gefruchtet zu haben. Die Frage, die sich aufdrängt, ist, warum die Geschäftsmodelle fast 15 Jahre nach einer breitflächigen Digitalisierung und nach der Verbreitung von Filesharing-Technologien immer noch die gleichen sind? Wie kann es sein, dass ein derartiger Einschnitt in die ökonomischen Rahmenbedingungen keine Reaktion seitens der Industrie nach sich zieht und notwendige Adaptierungen nicht angegangen werden? Der durchwegs neoklassische Ökonom Hal Varian zeigte sich bereits im Jahr 2000 davon überzeugt, dass es demnächst neue Geschäftsmodelle geben würde. Die Ökonomin Lisa Takeyama zeigte bereits sechs Jahre zuvor, also 1994, auf, dass neue Geschäftsmodelle gänzlich anders als bisher funktionieren müssen, und verwies auf die steigende Bedeutung von Netzwerkeffekten in diesem Zusammenhang. Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon, Twitter und viele mehr basieren genau darauf – sie alle sind weit von einer Krise entfernt. Auch die Gaming Industrie hat sich andere Geschäftsmodelle gesucht, lediglich die klassischen Sparten konnten die Zeichen der Zeit nicht deuten und sind sehenden Auges auf die Bananenschale zugesteuert und ausgerutscht.

Warum es so kam, wie es kommen musste, ist auch erklärbar. Erstens weil eine paradigmatische Änderung auch im Sinne von Joseph Schumpeters Konzept der „kreativen Zerstörung“ für die bestehenden industriellen Strukturen gefährlich ist und zweitens, weil es eine Rechtsnorm gibt (das Urheberrecht), die seitens der absterbenden, aber immer noch sehr finanz- und lobbystarken Industriezweige zu deren Gunsten instrumentalisiert werden kann. Eine Krise kann als Zustand gesehen werden, in dem alte Modelle nicht funktionieren, neue aber noch nicht ausgereift sind; so stellt sich die derzeitige Situation dar.

Unerwünschte Nebenwirkungen des Urheberrechts

Aus ökonomischer Sicht ist das Urheberrecht ein staatlich gewährtes Regulativ, eine staatliche Intervention und keineswegs natürlich. Es wurde aufgrund seiner regulierenden Wirkung eingeführt, um einen Markt simulieren zu können, wo tatsächlich keiner ist. Diese regulierende Wirkung wurde, wenn auch stets etwas scheel beäugt, auch von VertreterInnen neoklassischer Theorien als das geringste Übel anerkannt und so folgte man dem Coase’schen Theorem (auch wenn er selbst dies nie für Immaterialgüter argumentiert hatte), wonach Märkte besonders dann gut funktionieren, wenn es klar definierte Eigentumsrechte gibt. Solange ausschließlich mit physischen Gütern gehandelt wurde, also mit Trägermedien und nicht mit Immaterialgütern (also den Inhalten an sich), gab es diese klar definierten Eigentumsrechte auch. Kurz, die regulierende Wirkung dieser staatlichen Intervention, des Urheberrechts, war durchwegs erwünscht und bekannt. Diskutiert wurde die optimale Länge der Schutzdauer eines solchen Rechts, der Geltungsbereich und vieles mehr. Das Problem, das sich heute stellt, ist jedoch keines der Schutzdauer, des Umfanges oder der Durchsetzung, sondern jenes, dass vom Urheberrecht nicht nur die bekannten und erwünschten regulierenden Wirkungen ausgehen, sondern auch bislang noch nicht bekannte, unerwünschte Nebenwirkungen. Diese treten dann auf, wenn es zu einem paradigmatischen Wechsel kommt, so wie im Falle der Digitalisierung, denn da kann das Urheberrecht dazu missbraucht werden, mithilfe eines staatlichen Regulativs alte Industriezweige länger als notwendig am Leben zu erhalten und neue Geschäftsmodelle zu verhindern. Durch den Einfluss der Lobbys der oligopolistisch organisierten Musik- und Filmindustrie ist es möglich, die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht nur nicht an die Zeit anzupassen, sondern im Gegenteil auch noch weiter von der Realität zu entfernen. Ihre Macht beziehen sie aus der Funktion und den Gewinnen als Flaschenhals, die sie in der analogen Welt eingenommen haben und über die sie steuern konnten, wann welcher Inhalt wo gezeigt, gespielt und vor allem verkauft wird.

Diese Flaschenhalsfunktion gibt es auch heute noch, allerdings nur auf dem Papier, denn der legalen Welt der Contentindustrie steht eine „illegale“ und unkontrollierbare gegenüber. Zwar haben beispielsweise DVDs nach wie vor Regionalcodes und sollten nur dort gekauft und abgespielt werden können, wo es dem zuständigen Label passt, allerdings ist die Durchsetzung heutzutage nicht mehr möglich. Kommt beispielsweise ein Film zuerst in den USA auf den Markt und erst nach einigen Monaten nach Europa, dann war es früher möglich, gezielt die Kinostarts zu verteilen, Kopien zu verschicken und auch auf nationale Gegebenheiten (Ferien; andere Filme, die gerade zur selben Zeit laufen etc.) Rücksicht zu nehmen. Alles, was heute garantiert werden kann, ist, dass es in diesem Zeitraum keine legale Möglichkeit gibt, diese Filme zu sehen, das heißt aber eben nicht mehr, dass es keine Möglichkeit gibt. Kurz: Das World Wide Web ist eben kein Nation Wide Web und kann auf diese Art und Weise nicht reguliert werden.

Ein anderes Problem liegt darin, dass im Besonderen die OligopolistInnen den KonsumentInnen vorschreiben, zu welchen Bedingungen die CDs, DVDs oder auch E-Books erworben werden können: ob und wenn ja, wie oft die Werke (privat) kopiert werden dürfen, ob man bei einem Film die Werbeeinschaltungen vor dem Hauptfilm überspringen darf, über welche Plattformen heruntergeladen werden darf und nebenbei auch noch wann und in welchen Ländern und in welcher Version konsumiert werden darf. All diese Einschränkungen gelten natürlich nur für den legalen Konsum und nicht für widerrechtlich zustande gekommene Kopien. Folglich sind widerrechtliche Kopien sowohl in ihrer Verfügbarkeit als auch bezüglich ihrer Usability oft weitaus konsumentInnenfreundlicher. Hier fehlt es deutlich an wirtschaftlichem Denken, wenn die legalen Kopien qualitativ minderwertiger sind als die daraus entstandenen Derivate. Es wird von KonsumentInnen also nicht nur verlangt, dass sie sich dem Diktat unterwerfen, wann sie wofür ihr Geld ausgeben dürfen (man fühlt sich dabei oft schon als BittstellerIn), sondern erhält darüber hinaus auch noch ein limitiertes Produkt, das vielleicht aufwändig verpackt ist, aber eben in der BenutzerInnenfreundlichkeit der widerrechtlichen Kopie nachsteht.

Das ökonomische Argument, warum das Urheberrecht und der dadurch fingierte Markt effizienter als alles andere waren, besteht im Wesentlichen aus der Behauptung, dass die VerwerterInnen ein Eigeninteresse haben, die Inhalte möglichst gut und effizient zu verteilen. Ob dies jemals wirklich der Fall war, sei dahingestellt, aber dass die Eigeninteressen im digitalen Raum nicht mehr mit gesellschaftlichen Interessen ident sind, ist mehr als deutlich. Es ist also hoch an der Zeit, über neue Modelle nachzudenken.

Gesetzliche Lizenzen

Im Internet gibt es eine Tendenz hin zu sogenannten One-Stop-Shops, die eine große Bandbreite an Werken anbieten, und weg von NischenhändlerInnen. Das heißt nicht, dass Nischenprodukte im Internet weniger Beachtung finden (Long tail), bei einem Abomodell erwarten KonsumentInnen aber beispielsweise, dass möglichst alles verfügbar ist und nicht ein Abo die eine und ein anderes die andere Musikgattung abdeckt. Folglich sollten alle Plattformen nach Möglichkeit auch alles anbieten können. Wird ein Geschäftsmodell gefunden, so braucht es vor allem inhaltliche Breite – und diese hängt derzeit von dem Einverständnis der OligopolistInnen ab, da diese die Verwertung ihrer Kataloge untersagen können, was zu dem Zustand führt, dass die untergehende Industrie das Recht besitzt, einen Großteil der Inhalte des 20. Jahrhunderts unter Verschluss zu halten. Der einzige Ausweg aus der derzeitigen Misere wäre die Aufgabe bzw. die gesetzliche Streichung dieses Rechts. Dies ist nicht unüblich und ist auch im Falle der Radios bereits Realität. Kein Radiosender muss um Erlaubnis fragen, was gespielt werden darf, es gibt lediglich eine Verpflichtung zur Kompensation. Analog sollten registrierte HändlerInnen, Plattformen und Internetportale alles anbieten können, was im digitalen Raum angeboten werden kann, und dafür die Kreativen kompensieren. Denn es wird nicht nur den KonsumentInnen vorgeschrieben, was sie wann, wo und in welcher Form konsumieren dürfen, sondern auch dem Handel wird vorschrieben, was, wann, wo und in welchem Format verkauft werden darf. In dem Moment, wo diese gesetzliche Schranke fällt und alle digitalen Inhalte von allen angeboten werden dürfen, werden auch schnell neue Geschäftsmodelle entstehen.

Eine solche Lösung wäre derzeit im Interesse aller, der UrheberInnen, des Handels, der KonsumentInnen und auch im Interesse der Verwertungsgesellschaften, denn mögliche Geschäftsmodelle und Einkommensmöglichkeiten gibt es genug, nur sind sie derzeit nicht realisierbar. Sogar Unternehmen wie itunes oder Google scheitern regelmäßig in Verhandlungen mit den Oligopolen, wobei diese Unternehmen durchaus die finanzielle Kraft und die entsprechend ausgestatteten Rechtsabteilungen haben, jahrelange Verhandlungen mit dem Risiko eines Misserfolgs zu führen. Für kleine, innovative Unternehmen, die sich diesen Markt auch erschließen wollen, gilt das aber wohl kaum.

Ein Lösungsansatz, um den Markt zu dynamisieren und neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen, die dann wiederum Einkommen für Kreative generieren können, wäre die Einführung von gesetzlichen Lizenzen. Dabei geht es darum, dass Kompensationszahlungen an Verwertungsgesellschaften entrichtet werden müssen, aber keine weiteren Genehmigungen notwendig sind. Gesetzliche Lizenzen haben mehrere Vorteile: Sie sind juristisch im Vergleich zu anderen Modellen leicht umsetzbar, sie stellen einen verhältnismäßig kleinen Eingriff in das Urheberrecht dar und sie bieten die Aussicht darauf, dass nahezu alle Inhalte und Werke auch tatsächlich legal verfügbar wären. Ob dies nun mit Abo-Services, mit Price-per-unit Modellen oder mit Modellen, die auf zweiseitigen Märkten und Netzwerkeffekten basieren, funktioniert, sollen dann die KonsumentInnen entscheiden. Wichtig ist, dass es endlich zeitgemäße Lösungen gibt, die erstens den Kreativen die Möglichkeit auf Einkommen verschaffen, zweitens den Zugang zu Information nicht beschränken und drittens nicht auf der Überwachung des gesamten Internets basieren.

Paul Stepan ist Kulturökonom und arbeitet in Wien (www.fokus.or.at)

(DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2012)

Oder: Kontrolle ist gut – Einkommen ist besser. Ein Plädoyer von Paul Stepan für eine ökonomisch fundierte Entemotionalisierung des Meinungsstreits um die Internetpiraterie

…  in Erwiderung auf den Schriftsteller Walter Wippersberg und andere Besorgte.

Die Kampagnen der Urheberrechtslobbys überschlagen sich zurzeit, sodass man leicht den Überblick verliert. In der angriffigen Rhetorik, die auch vor persönlichen Untergriffen nicht zurückschreckt (wie zuletzt von Walter Wippersberg), finden sich nur wenig zukunftsorientierte Vorschläge. All diesen Kampagnen ist eines gemein: Sie verlangen mehr Rechte, eine schärfere Rechtsdurchsetzung, und sie stoßen sich dabei nur wenig an etwaigen Kollateralschäden wie der Aushöhlung des Datenschutzes, dem Verlust der Privatsphäre und der Netzneutralität. Wie kommt es nun dazu?

Wenn man sich die Forderungen ansieht wird klar, dass diese einer juristischen, aber keiner ökonomischen Logik folgen, denn es ist völlig unklar, wie dieses mehr an Rechten in Einkommen für Kulturschaffende verwandelt werden soll. Rechtsverstöße werden mit Einkommensverlusten gleichgesetzt, doch die wenigsten urheberrechtlichen Verstöße sind auch finanziell relevant. Urheberrechtliche Verstöße in sozialen Medien sind meist Mundpropaganda und stören eine kommerzielle Verwertung keinesfalls.

Das Problem liegt nicht darin, dass die bestehenden Rechte zu locker formuliert sind oder die Rechtsdurchsetzung schwächelt, sondern darin, dass sie schlicht nicht zu den technologischen Gegebenheiten passen. Es sind Rechte, die vor 300 Jahren für analoge Tauschformen konzipiert wurden, an die wiederum die analogen Geschäftsmodelle angepasst waren. Diese Geschäftsmodelle weiter zu verfolgen ist in etwa so, als würde man mit einem Auto, das an Land immer verlässlich war, nun über Wasser fahren wollen. Es wird auch dann nicht klappen, wenn ein Gesetz erlassen wird, das Autos zum Über-Wasser-Fahren zwingt.

Ablenkungsmanöver

Ebenso geht es der Content-Industrie derzeit. Zwar machen oftmals die Protagonisten der Urheberrechtskampagnen – wie auch Wippersberg – Kritikern den Vorwurf, dass sie keine Alternativen anbieten können, doch lenkt das meist nur von dem Umstand ab, dass sie selbst auch keine Modelle haben, wie man diese rechtlichen Verschärfungen nun zu Geld machen könnte. Dementsprechend passiv haben die VertreterInnen der Unterhaltungsindustrie die letzten 15 Jahre in einem rückwärtsgewandten Abwehrkampf verbracht (DRM, Klagen, Lobbying), anstatt neue Modelle zu entwickeln und somit ja letztlich wieder den Kulturschaffenden zu mehr Einkommen zu verhelfen. Dieses Geld fehlt nun den Kreativen, denn die Verluste durch Piraterie sind verschwindend gering gegenüber jenen, die durch die Verhinderungsstrategien der Unternehmen entstanden sind.

Bereits vor der Digitalisierung war das Urheberrecht lediglich das geringste Übel, doch stimmte in einer analogen Welt das Zusammenspiel von Technologie, Recht und Geschäftsmodellen noch überein. Immaterielles konnte nur mithilfe von Trägermedien verteilt werden (Ausnahme Rundfunk), und so folgten die Märkte den ökonomischen Gesetzlichkeiten der Tauscheinheiten (CD, DVD, Buch etc.) und nicht jenen der abstrakten immateriellen Güter (Musik, Film, Literatur etc.). Durch das Internet wurde auch der Tausch ohne Trägermedium möglich, und folglich greifen die alten Geschäftsmodelle, die für Trägermedien konzipiert waren, nicht mehr, und es bedarf gänzlich neuer.

Im Großen und Ganzen gibt es drei Lösungsvarianten, und keine verlangt nach einer Verschärfung des Urheberrechts oder einer Verschärfung der Durchsetzung, denn sie basieren nicht auf der Kontrolle einzelner Werke.

Die erste Möglichkeit ist die Anwendung von Modellen, die bereits aus Bereichen wie dem Rundfunk bekannt und erprobt sind, sogenannten zweiseitigen Märkten. Private Rundfunksender finanzieren sich über Werbeeinnahmen und bezahlen damit die RechteinhaberInnen. Auch soziale Netzwerke und viele erfolgreiche Web-Dienste funktionieren nach diesem Prinzip. Oftmals wird argumentiert, dass das Einkommen daraus nicht reichen würde, doch liegt es weniger an den Modellen als daran, dass die Verwerter prozentuell viel zu hoch beteiligt ist, da sie kostenseitig zwar an teurer Logistik, Lagerhaltung, Transporte, Regalplätze etc. einsparen, aber diese Kostenreduktionen weder an Kulturschaffende noch KonsumentInnen weitergeben.

Pauschalabgaben

Zweitens: die Einführung von gesetzlichen Lizenzen für den digitalen Vertrieb, die eine Verwertung nicht von der Zustimmung der Rechteinhaber abhängig macht, jedoch zur Kompensation verpflichtet, wie dies ebenfalls aus dem Radio bekannt ist. Demnach könnte jeder Webshop, Streaming-Dienst und jede Downloadplattform alle Inhalte anbieten, wären aber zur Kompensation der Kulturschaffenden verpflichtet. Dies galt im Übrigen auch im analogen Bereich, denn welche Autorin wurde jemals gefragt, ob eine bestimmte Buchhandlung ihre Werke an- und verkaufen darf? Die dritte Lösung ist die Einführung von Pauschalabgaben. Eine Maßnahme, die „Kunst hat Recht“ auch mit der Festplattenabgabe vorschlägt. Diese konkrete Forderung ist der falscher Schritt in die richtige Richtung, denn die NutzerInnen entschwinden gerade in die Wolken oder genauer gesagt in die Cloud. Wenn man sich also entschließt, auf gesetzliche Pauschalabgaben zu setzen, dann ist die Abgabe auf den Zugang zum Internet die einzig nachhaltig sinnvolle Lösung. Derzeit gibt es bereits private Anbieter wie Spotify, die dasselbe auf freiwilliger Basis leisten. Doch auch hier würde eine gesetzliche Lizenz helfen um effektiver agieren zu können.  (Paul Stepan, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2012)

Autor

Paul Stepan ist Mitglied der Forschungsgesellschaft Fokus und arbeitet als Kulturökonom, Kulturmanager und Lektor an der Universität für Musik und darstellende Kunst.

Aus: Kämpfe um geistiges Eigentum – Kurswechsel 4/2010

Paul Stepan

Verteilungsfragen waren und sind noch immer heftigst umkämpft. Sie nehmen in der politischen Diskussion einen zentralen Platz ein und haben so manchen Konflikt ausgelöst. Interssanterweise ist die Diskussion um das geistige Eigentum im Vergleich zu anderen Verteilungsthemen fast bedeutungslos und wird von politischer Seite nur sehr vorsichtig behandelt. Es verwundert dabei, mit welcher politischen Zurückhaltung die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Eigentumsverhältnisse im digitalen Raum diskutiert werden und wie weit es auch den Lobbys der verschiedenen involvierten Industrien gelingt, diese Diskussion weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Dabei wird die Bedeutung und Tragweite der Diskussionen um das Urheberrecht oder – in der anglo-amerikanische Variante – das Copyright von den politisch Verantwortlichen zumeist unterschätzt.

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